Walther Rathenau im Netzwerk der Moderne. Tagungsbericht des Symposiums vom 7./8. Juni 2012 in Potsdam

Walther Rathenau im Netzwerk der Moderne
Tagungsbericht des Symposiums vom 7./8. Juni 2012 in Potsdam

„Die Mischung aus Vorträgen von gestandenen Wissenschaftlern und neuen Impulsen von den Kollegiaten“ habe das Symposium „Walther Rathenau im Netzwerk der Moderne“ ausgemacht, lobte WOLFGANG MICHALKA. Am 7. Und 8. Juni 2012 veranstaltete das Walther- Rathenau- Graduiertenkolleg im Haus der Brandenburgisch- Preußischen Geschichte in Potsdam mit Unterstützung der Moses Mendelssohn Stiftung und der Friedrich Naumann Stiftung die Tagung. Dabei gaben die Redner einen Einblick in das vielfältige Netzwerk von Walther Rathenau in Politik, Wirtschaft und Kunst.
Im Eröffnungsvortrag bestimmte MARTIN SABROW (Berlin) drei Erzählstränge im kulturellen Gedächtnis der Gegenwart, in denen die „Jahrhundertfigur Walther Rathenau“ Platz finde. Das erste Narrativ umschrieb er mit der innerlichen „Zerrissenheit“ Rathenaus. In diesem bewegten sich die Zeitgenossen, die den „Wirtschaftslenker und Zeitkritiker, Intellektuellen und Politiker“ beurteilten. Dem entgegen stehe das Narrativ des heroischen Märtyrers, das nach der Ermordung Rathenaus am 24. Juni 1922 jenes der Zerrissenheit abgelöst habe. Das nach dem zweiten Weltkrieg entstandene Narrativ, das Rathenau als historischen Lernort versteht, sei nicht zuletzt durch die Rathenau oft zugeschriebene „Sehergabe“ entstanden. WOLFGANG MICHALKA (Karlsruhe) umriss Rathenaus (blockierten) Weg in die Politik. Erst der erste Weltkrieg hätte ihm diesen geebnet, nachdem er aufgrund seiner jüdischen Abstammung nicht einmal Reserveoffizier werden durfte. Durch den am Ostersonntag 1922 bilateral geschlossenen Rapallo- Vertrag – ein Notbehelf für Rathenau – habe Rathenau bei seinen Gegnern fortan nicht nur als Erfüllungspolitiker, sondern auch als Anhänger des schleichenden Bolschewismus gegolten. Mit Rathenaus Orientalismus beschäftigte sich DIETER HEIMBÖCKEL (Luxemburg). Im Januar 1899 hat Rathenau auf eigene Faust eine Orientreise unternommen und „mit Rathenau eröffnet sich die nicht häufig anzutreffende Gelegenheit, einen kulturkritischen Schriftsteller als Projektionsfigur und Produzenten von Orientvorstellungen in den Blick zu nehmen.“ Er habe „durch seine Präsenz in der Öffentlichkeit und netzwerkartigen Verbindungen zur Literatur und Geisteskultur“ schon während seines Lebens die Vorstellungskraft seiner Schriftstellerkollegen inspiriert. In Rathenaus an Nietzsche angelehnter Theorie von Mut- und Furchtmenschen hätte sich „verinnerlichter Antisemitismus und pejoratives Orientverständnis“ überlagert. Solche problematischen, für seine Zeit aber typischen Tendenzen fasste PATRICK KÜPPERS (Berlin) unter den Begriff der „Antimoderne“ zusammen. Diese Antimoderne, die integraler Teil der Moderne sei, deren Progressionen sie aber ablehne, zeige sich in Rathenaus Verhältnis zur Kunst und, damit eng verflochten, zur Großstadt. Ferner betrachtete Küppers, wo und in welcher Form sich in diesem Zusammenhang ein misogyner „Männlichkeitskult“ in Rathenaus Schriften äußert. CHRISTIAN SCHÖLZEL (Berlin) vertiefte den Blick darauf, wie Rathenau als „Mann vernetzter Eigenschaften“ den Gedanken der „Versittlichung“ in den verschiedenen Bereichen seiner Schriften und seiner gesellschaftlichen Aktivitäten verfolgte. Insbesondere seine Entwicklungsvorstellung in wirtschaftlichen Dingen sei davon durchdrungen gewesen. SVEN BRÖMSEL (Berlin) untersuchte die Beziehungen des Netzwerkers Rathenau zu dem Schriftsteller Hanns Heinz Ewers. Seit 1911 standen diese ungewöhnlichen Intellektuellen in regelmäßigem Kontakt, wobei sie außer Fragen der Kunst insbesondere den Nationalismus und dessen Forderungen an den Einzelnen thematisierten. Als sehr interessant erweist sich daher ihr Austausch über Judentum und Antisemitismus. FRANZISKA KRAHS (Potsdam) Exkurs zu den Deutungsversuchen des Antisemitismus von Arnold Zweig, die bereits auf Mittel der Psychoanalyse zurückgriffen, rundete das Symposium ab.

Christopher Menge

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