Konstellationen der Erinnerung an die “Weiße Rose” – eine gesamtdeutsche Diskursgeschichte

von Christian Ernst

ZDF-Zuschauer/-innen wählten Hans und Sophie Scholl 2003 im Rahmen der Showreihe „Unsere Besten“ nach Konrad Adenauer, Martin Luther und Karl Marx an die Spitze einer Rangliste der „größten Deutschen“. Kurz zuvor wurde Sophie Scholl auf Betreiben einer parteiübergreifenden Initiative in Bayern mit einer Büste in der Walhalla geehrt. Hans und Sophie Scholl zählen zu den populärsten Protagonisten des deutschen Widerstands. Der hauptsächlich studentische Widerstandskreis „Weiße Rose“ aus München, zu dem auch Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf und Prof. Dr. Kurt Huber gehörten, ist in der deutschen Erinnerungskultur bis heute fest verankert.
Laut der britischen Forscherin Katie Rickart trägt die öffentliche Erinnerung an die „Weiße Rose“ seit den 1990er Jahren zu Definitionsversuchen einer nationalen Erinnerungskultur nach der deutschen Wiedervereinigung bei. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass die in den 1990er Jahren einsetzenden Arbeiten zur Rezeptionsgeschichte der „Weißen Rose“ diese vor allem als Teil bundesrepublikanischer Erinnerung betrachten. Diskurse zur „Weißen Rose“ in der DDR werden nicht beachtet oder es wird pauschal eine ideologische Vereinnahmung unterstellt. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch ein komplexes Bild. Ost- und westdeutsche Diskurse variieren je nach Veröffentlichungskontexten und müssen vor der Folie einer deutsch-deutschen Beziehungsgeschichte analysiert werden.
Im Rahmen des interdisziplinär angelegten Promotionsvorhabens soll eine gesamtdeutsche Geschichte der öffentlichen Erinnerung an die „Weiße Rose“ bis Mitte der 2000er Jahre erarbeitet werden. Dazu bedarf es einer Methodik, die es erlaubt, das heterogene Material verschiedener Medien aus sechs Jahrzehnten auszuwerten, von dem die Forschung bisher nur einen kleinen Teil zur Kenntnis genommen hat. Im Gegensatz zu bisherigen erinnerungs- und rezeptionsgeschichtlichen Arbeiten soll dabei auch die Spezifik verschiedener Medien und Genres beachtet werden, um sowohl den kulturellen, als auch den funktionalen Wandel der Erinnerungsdiskurse in beiden deutschen Staaten differenziert herausarbeiten zu können. Am Beispiel der „Weißen Rose“ können auf diese Weise Entwicklungen der öffentlichen Vermittlung und Erinnerung deutscher Zeitgeschichte aufgezeigt werden.

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