Identität von außen? Identitätsprozesse im ‚Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens‘ zwischen 1893 uns 1914

Promotionsprojekt von Christian Dietrich

Schon der Verweis auf die eigene Staatsbürgerschaft, die Betonung des Individuums gegen das Kollektiv, zeigt den liberalen Geist, der den Charakter des C.V. in den ersten Jahren nach seiner Gründung prägte. Doch entwickelte sich auf der Grundlage der jüdischen Leidensgeschichte als geteiltem Narrativ, das die Wahrnehmung der gemeinsamen Situation entscheidend beeinflusste, und durch die stärkeren Anfeindungen von Seiten der Mehrheitsgesellschaft innerhalb des ohnehin schon engen sozialen Netzwerkes, das die akkulturierten deutschen Juden miteinander unterhielten, das Interesse für jüdische Traditionen, Geschichte und Literatur. Spätestens nach dem innerjüdischen Zionismusstreit von 1912/13 trat im C.V. eine kollektive jüdische Identität offen zutage, die zusehends religiöse und antizionistische Formen annahm und sich zuvor, etwa mit der Änderung der Weihnachtsgratifikationen in Chanukka-Gratifikationen 1902 und dem 1905 getroffenen Beschluss, das Büro des C.V. in Berlin am Sabbat zu schließen und am Sonntag zu öffnen, schon angedeutet hatte.
Dieser Prozess der Identitätsbildung auf der Grundlage wachsenden äußeren Drucks und der gemeinsamen Verpflichtung gegen jene isolierte Sonderstellung vorzugehen, die den deutschen Juden auch nach ihrer juristischen Gleichstellung zuteil wurde, ist für die Dissertation zentral. Es wird gefragt, in welchen Schritten es zur Ausbildung einer kollektiven Identität und zum Rückbezug auf traditionelle Elemente kam. Ziel ist die Rekonstruktion des Prozesses vom Liberalismus zur zunehmenden Religiosität, der sich abseits der großen Ereignisse wie dem Ritualmordprozess im März 1900 in Konitz oder den im C.V. geführten Debatten über das sogenannte „Taufjudentum“ vollzieht.

Kommentar schreiben

0 Kommentare.

Kommentar schreiben