Antisemitismus der Anderen? Nation und Alterität im deutschen Film seit ,1989’

Promotionsprojekt von Antonia Schmid

Obwohl Antisemitismus in Deutschland auch nach 1945 weit verbreitet ist, gelten offen antisemitische Artikulationen im öffentlichen Diskurs als illegitim. Auf diese Lücke zwischen öffentlicher und privater Meinung zielt das laufende Projekt, indem es den deutschen Film als Medium kollektiver Identitätskonstruktionen analysiert. Die spezifischen Potentiale des Spielfilms zur Emotionalisierung und Erzeugung von Identifikationen machen ihn besonders geeignet, latente und codierte Formen des Ressentiments zu erfassen. Eine umfassende Analyse der visuellen politischen Kultur seit 1989 ist bisher jedoch ein Desiderat.

Die mit der Chiffre ,1989’ markierten politischen Transformationen haben Auswirkungen auf das, was in Bezug auf Antisemitismus sag- und zeigbar ist. Mit einem cultural lag verzögert, lassen sich diese Veränderungen auch im zeitgenössischen Film nachweisen. Als „Tagträume der Gesellschaft “ (Kracauer) liefert die 2001 einsetzende Welle von Filmen mit Bezug zum Nationalsozialismus Indikatoren für die Entwicklungen nationaler Fremd- und Selbstbilder und gibt Aufschluss über das Verhältnis jüdischer und nichtjüdischer Erinnerungsnarrative. Aufgrund der historischen Realität der Shoah sind deutsche Identitätsdiskurse heute untrennbar mit der Frage nach Antisemitismus und dessen Bearbeitung und Tradierung verbunden. Untersucht werden deshalb die etwa vierzig deutschen Kino- und Fernsehproduktionen der letzten zwei Dekaden mit thematischem Bezug zum NS und zu Israel. Methodisch wird ein Verfahren der visuellen Diskursanalyse angewandt, das Theoreme der Kritischen Theorie mit filmwissenschaftlichen und der Grounded Theory entstammenden Vorgehensweisen kombiniert. Wie wird zwanzig Jahre nach der „Wiedervereinigung“ das nationale Selbst konstituiert, wer ist heute sein Anderes?

Die Frage, wie das Imaginäre der Nation im Hinblick auf antisemitische Projektionen filmisch repräsentiert wird, steht im Fokus des interdisziplinär angelegten Projektes, das sowohl tradierte antisemitische Topoi wie auch kodierte Formen und Verschiebungen in Bezug auf antisemitische Ikonografien analysiert und kontextualisiert.

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