Freie und vernünftige Frauen?! Bericht zum Seminar „Vordenkerinnen des Liberalismus I“

Freie und vernünftige Frauen?!

Unter dem Titel „Vordenkerinnen des Liberalismus“ fand vom 1. bis zum 3. November 2012 die erste Veranstaltung der zweiten Staffel der Seminarreihe „Freiheit und Vernunft – zum Vernunftbegriff im Liberalismus“ statt.

In den ersten drei Seminaren der von StipendiatInnen des Walther-Rathenau-Kollegs organisierten Reihe hatten sich die TeilnehmerInnen dem Verhältnis der Begriffe „Freiheit“ und „Vernunft“ im liberalen Denken gewidmet und die Spur von Vernunft- und Freiheitsdenken vom 20. bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgt, sich orientierend am Schriftgut prägender Theoretiker. Neben an anderer Stelle beschriebenen Ergebnissen konnte nach drei Veranstaltungen das Fazit gezogen werden: Es wurden ausschließlich männliche Denker besprochen. Dabei beginnt mit der als Zeitalter der Aufklärung bezeichneten gesellschaftlichen Entwicklung auch die Diskussion um die so genannte Frauenfrage. Mit der – für den Großteil des männlichen Geschlechts Ende des 18. Jahrhunderts nahezu absurden – These, dass die just konstatierte Vernunftbegabung des Menschen auch für die weibliche Hälfte der Gesellschaft angenommen werden könne, bis hin zu Forderungen von ganz konkreten Bürgerrechten, brachten sich Frauen zunehmend in gesellschaftliche Debatten ein. Grund genug, sich den Vordenkerinnen dieses bis heute andauernden Diskurses in einer wiederum auf drei Veranstaltungen und drei „Generationen“ ausgelegten Seminarstaffel zu widmen.

In der Moses-Mendelssohn-Akademie in Halberstadt trafen 8 männliche und 7 weibliche Interessierte aufeinander, um Texte von Olympe de Gouge, Mary Wollstonecraft und Louise Otto-Peters zu sezieren und im Hinblick auf liberales Denken zu verorten. Den Auftakt am frühen Donnerstagabend – das Einführungsreferat der Gastreferentin musste leider entfallen – übernahm dankenswerterweise und sehr spontan Dirk Schuck. Er lieferte eine aufschlussreiche historische und geistesgeschichtliche Kontextualisierung der „Damenphilosophinnen“, mit besonderem Augenmerk auf die Verbindung zu den männlichen und insbesondere schottischen Vordenkern des Liberalismus.

Bereits am Begriff der Philosophin entzündete sich eine kontrovers geführte Diskussion um Olympe de Gouge, die erste zu behandelnde…ja, wie nennen wir sie denn? Die Bezeichnung der Verfasserin der „Rechte der Frau und Bürgerin“ (1791) warf zahlreiche Fragen auf: War sie Philosophin und Theoretikerin, oder engagierte Aktivistin und Frauenrechtlerin? Wenn Letzteres, mindert das ihren Rang und den Wert ihrer Schriften? Gibt es Gründe, warum neben Voltaire und Rousseau keine weibliche „Kollegin“ steht, warum es schwerfällt, bis zum Beginn des 20. Jahrhundert überhaupt eine Handvoll Philosophinnen zu nennen, oder im geistesgeschichtlichen Kanon ein von weiblicher Hand formuliertes Hauptwerk? Kaum eine Stunde am gemeinsamen Tisch, waren wir bei der, hier rhetorisch gestellten, Frage angekommen: Ist diese Situation den Fähigkeiten der Frauen geschuldet, oder den gesellschaftlichen Umständen?

In den zwei Folgetagen stand diese Frage weiterhin im Raum, insbesondere bei der Beschäftigung mit Mary Wollstonecraft und ihrer „Verteidigung der Rechte der Frau“ (1792). Sie knüpft ihre Argumentation an die These, dass, um die Frage nach der Vernunftbegabung der weiblichen Bevölkerungshälfte beantworten zu können, zunächst entsprechende Bildung und Erziehung vonnöten sei. Solange Frauen auf Äußerlichkeiten und devotes Dienen hin geformt würden, sei die Frage nach ihren Fähigkeiten nicht zu beantworten. Louise Otto-Peters wiederum, deren Wirkungszeitraum einige Jahrzehnte später, im deutschen Vormärz beginnt und bis zum Ende des 19. Jahrhunderts reicht, bleibt dem pietistischen Ideal der Frau als „Genius des Hauses“, die ihre Aufgabe in der liebevollen Fürsorge für die Familie und der Führung der Hauswirtschaft sieht, treu. Da aber diese Möglichkeit nicht allen Frauen offen stehe, setzt sie sich für das Recht auf selbständige Bestreitung des Lebensunterhalts, auf gesellschaftliches Engagement und für eine Verbesserung der Situation der Arbeiterinnen ein. Die Rollen in der Gesellschaft bleiben unterschiedliche und sich ergänzende: Die männliche Ratio wird durch das weibliche Herz und liebende Mitgefühl zu einem Ganzen vervollständigt.

Ein besonderes Augenmerk der Diskussion galt dem Vergleich der Texte. Während Olympe de Gouge die Rechte der Frau als Naturrecht sieht und somit die Implementierung eines unrechtmäßigerweise ignorierten Axioms fordert, setzt Mary Wollstonecraft stärker auf Verhandlung und Argumentation. Beiden gemein ist der mit der Aufklärung gewonnene und in der französischen Revolution verstärkte Glaube, dass die Befreiung des Individuums dem Wohl der Gesellschaft dient. Louise Otto-Peters dagegen, von protestantischer Pflichtethik geprägt, sieht das Wohl der Gesellschaft als oberste Priorität und den Kausalzusammenhang umgekehrt: Wer seine Pflicht erkennt und erfüllen darf, sich also im Sinne einer zu verbessernden Welt nützlich machen kann, der erfüllt damit sich selbst und begreift sich als frei.

Einer zweifellos vernünftigen inneren Eingebung Valerie Waldows folgend, wurde das Theoretische im Rahmen eines Filmabends visualisiert. Sally Potters Adaption des 1928 entstandenen Romans „Orlando. Eine Biographie“ aus der Feder Virginia Woolfs brachte den Kern unseres Seminars eindrücklich auf die Leinwand. Gleiches galt für den mittlerweile obligatorisch zu nennenden Besuch im Halberstädter Gleimhaus. Dank der breiten Expertise der Leiterin Dr. Ulrike Pott bietet die Führung auch wiederkehrenden SeminaristInnen stets neue und thematisch passende Eindrücke. Schwerpunkt diesmal: die Damen um den Freundschaftstempler Gleim.

Als Fazit stand neben der Erkenntnis, dass der 3. November sowohl Jahrestag der Hinrichtung Olympe de Gouges als auch Weltmännertag ist, vor allem das Bewusstsein, dass der Weg, den die besprochenen Vordenkerinnen begonnen haben, noch immer nicht beendet ist, auch wenn viele der seinerzeit revolutionären Forderungen – z.B. Berufsfreiheit oder die Anerkennung unehelicher Kinder – heute selbstverständlich sind. Die Abschlussdiskussion widmete sich Schlagworten wie „Gender Diversity“ in Unternehmen, der Vereinbarkeit von Kindern und Berufsleben sowie der Frage nach der Notwendigkeit der femininen Adresse in Schriftform und mündlicher Rede.

Ob wir diese Probleme der Gegenwart mit den Vordenkerinnen der nächsten Generation, die sich insbesondere für politische Mitbestimmung eingesetzt haben, lösen können, sei dahingestellt. Als sicher darf gelten, dass wir aktuelle Diskurse besser verstehen lernen und das Bewusstsein für bestehende Ungleichheiten und Vorurteile schärfen. Alle diejenigen, die dieser Erkenntnisgewinn verlockt, sind herzlich zur Folgeveranstaltung eingeladen, die voraussichtlich im Frühjahr 2013 stattfinden wird.

Ausdrücklich gedankt sei an dieser Stelle der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und ganz besonders Dr. Susanne Liermann für die großzügige und engagierte Unterstützung.

Jasmin Sohnemann

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