Neuerscheinung: „Walther Rathenau im Netzwerk der Moderne“

Walther Rathenau war als Intellektueller, Unternehmer und Minister, als Verfasser zahlreicher Schriften und Briefe ein wichtiger Akteur in Netzwerken der Wirtschaft, der Politik, der Soziologie und der Kunst. Damit war Rathenau Mitgestalter einer Zeit voller Umbrüche und Konflikte, welche das zweite Kaiserreich, den Ersten Weltkrieg, die Novemberrevolution und die ersten Jahre der Weimarer Republik umspannt und welche als „historische“ oder „klassische“ Phase der Moderne noch immer nachwirkt. In diesem Band werden Rathenaus Positionen kritisch hinterfragt, ebenso Erinnerungsmodi und Inanspruchnahmen, die ihm in den neunzig Jahren seit seinem gewaltsamen Tod widerfahren sind und weiter widerfahren.

Der Tagungsband zum Symposium „Walther Rathenau im Netzwerk der Moderne“, herausgegeben von den Walther-Rathenau-Kollegiaten Sven Brömsel, Patrick Küppers und Clemens Reichhold, ist gerade in der Reihe „Europäisch-jüdische Studien – Beiträge“ bei De Gruyter Oldenbourg erschienen. Mit einem Grußwort von Julius Schoeps eingeleitet vereinigt der Band Texte verdienter Rathenauforscher_innen mit solchen junger Wissenschaftler_innen, deren einige aus den Reihen des Walther-Rathenau-Kollegs am Moses-Mendelssohn-Zentrum kommen:

Steffi Bahro: „Höre, Israel!“ Im Netzwerk der Moderne
Sven Brömsel: Freundschaft mit dem Bohemien Hanns Heinz Ewers
Patrick Küppers: Rathenaus Kunstauffassung zwischen Moderne und Antimoderne
Clemens Reichhold: Walther Rathenau über Entfremdung und Regierung der Massen
Jasmin Sohnemann: „Der Kaufmann und der Künstler“ Walther Rathenau und Stefan Zweig

Weitere Informationen zum Inhalt und Bestellung hier.

Patrick Küppers Dissertation erschienen!

Die Dissertation unseres Kollegiaten Patrick Küppers ist unter dem Titel „Die Sprache der Großstadt. Zeitkritik und ästhetische Moderne in den frühnaturalistischen Berlinromanen Max Kretzers“ im Tectum-Verlag erschienen.

Programm Sommersemester 2014

Das Programm zum Sommersemester 2014 finden Sie hier: Programm Sommersemester 2014

Christian Dietrichs Dissertation erschienen!

Die im Rahmen des Walther Rathenau Kollegs enstandene Dissertation von Christian Dietrich ist unter dem Titel „Verweigerte Anerkennung. Selbstbestimmungsdebatten im ‚Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens‘ vor dem Ersten Weltkrieg“ im Metropol Verlag erschienen.

Programm Wintersemester 2013/14

Das Programm zum Wintersemester 2013/14 finden Sie hier: Programm Wintersemester 2013/14

Programm Sommersemester 2013

Das Programm zum Sommersemester 2013 finden Sie hier: Programm_WRK_Sommersemester 2013

Freie und vernünftige Frauen?! Bericht zum Seminar „Vordenkerinnen des Liberalismus I“

Freie und vernünftige Frauen?!

Unter dem Titel „Vordenkerinnen des Liberalismus“ fand vom 1. bis zum 3. November 2012 die erste Veranstaltung der zweiten Staffel der Seminarreihe „Freiheit und Vernunft – zum Vernunftbegriff im Liberalismus“ statt.

In den ersten drei Seminaren der von StipendiatInnen des Walther-Rathenau-Kollegs organisierten Reihe hatten sich die TeilnehmerInnen dem Verhältnis der Begriffe „Freiheit“ und „Vernunft“ im liberalen Denken gewidmet und die Spur von Vernunft- und Freiheitsdenken vom 20. bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgt, sich orientierend am Schriftgut prägender Theoretiker. Neben an anderer Stelle beschriebenen Ergebnissen konnte nach drei Veranstaltungen das Fazit gezogen werden: Es wurden ausschließlich männliche Denker besprochen. Dabei beginnt mit der als Zeitalter der Aufklärung bezeichneten gesellschaftlichen Entwicklung auch die Diskussion um die so genannte Frauenfrage. Mit der – für den Großteil des männlichen Geschlechts Ende des 18. Jahrhunderts nahezu absurden – These, dass die just konstatierte Vernunftbegabung des Menschen auch für die weibliche Hälfte der Gesellschaft angenommen werden könne, bis hin zu Forderungen von ganz konkreten Bürgerrechten, brachten sich Frauen zunehmend in gesellschaftliche Debatten ein. Grund genug, sich den Vordenkerinnen dieses bis heute andauernden Diskurses in einer wiederum auf drei Veranstaltungen und drei „Generationen“ ausgelegten Seminarstaffel zu widmen.

In der Moses-Mendelssohn-Akademie in Halberstadt trafen 8 männliche und 7 weibliche Interessierte aufeinander, um Texte von Olympe de Gouge, Mary Wollstonecraft und Louise Otto-Peters zu sezieren und im Hinblick auf liberales Denken zu verorten. Den Auftakt am frühen Donnerstagabend – das Einführungsreferat der Gastreferentin musste leider entfallen – übernahm dankenswerterweise und sehr spontan Dirk Schuck. Er lieferte eine aufschlussreiche historische und geistesgeschichtliche Kontextualisierung der „Damenphilosophinnen“, mit besonderem Augenmerk auf die Verbindung zu den männlichen und insbesondere schottischen Vordenkern des Liberalismus.

Bereits am Begriff der Philosophin entzündete sich eine kontrovers geführte Diskussion um Olympe de Gouge, die erste zu behandelnde…ja, wie nennen wir sie denn? Die Bezeichnung der Verfasserin der „Rechte der Frau und Bürgerin“ (1791) warf zahlreiche Fragen auf: War sie Philosophin und Theoretikerin, oder engagierte Aktivistin und Frauenrechtlerin? Wenn Letzteres, mindert das ihren Rang und den Wert ihrer Schriften? Gibt es Gründe, warum neben Voltaire und Rousseau keine weibliche „Kollegin“ steht, warum es schwerfällt, bis zum Beginn des 20. Jahrhundert überhaupt eine Handvoll Philosophinnen zu nennen, oder im geistesgeschichtlichen Kanon ein von weiblicher Hand formuliertes Hauptwerk? Kaum eine Stunde am gemeinsamen Tisch, waren wir bei der, hier rhetorisch gestellten, Frage angekommen: Ist diese Situation den Fähigkeiten der Frauen geschuldet, oder den gesellschaftlichen Umständen?

In den zwei Folgetagen stand diese Frage weiterhin im Raum, insbesondere bei der Beschäftigung mit Mary Wollstonecraft und ihrer „Verteidigung der Rechte der Frau“ (1792). Sie knüpft ihre Argumentation an die These, dass, um die Frage nach der Vernunftbegabung der weiblichen Bevölkerungshälfte beantworten zu können, zunächst entsprechende Bildung und Erziehung vonnöten sei. Solange Frauen auf Äußerlichkeiten und devotes Dienen hin geformt würden, sei die Frage nach ihren Fähigkeiten nicht zu beantworten. Louise Otto-Peters wiederum, deren Wirkungszeitraum einige Jahrzehnte später, im deutschen Vormärz beginnt und bis zum Ende des 19. Jahrhunderts reicht, bleibt dem pietistischen Ideal der Frau als „Genius des Hauses“, die ihre Aufgabe in der liebevollen Fürsorge für die Familie und der Führung der Hauswirtschaft sieht, treu. Da aber diese Möglichkeit nicht allen Frauen offen stehe, setzt sie sich für das Recht auf selbständige Bestreitung des Lebensunterhalts, auf gesellschaftliches Engagement und für eine Verbesserung der Situation der Arbeiterinnen ein. Die Rollen in der Gesellschaft bleiben unterschiedliche und sich ergänzende: Die männliche Ratio wird durch das weibliche Herz und liebende Mitgefühl zu einem Ganzen vervollständigt.

Ein besonderes Augenmerk der Diskussion galt dem Vergleich der Texte. Während Olympe de Gouge die Rechte der Frau als Naturrecht sieht und somit die Implementierung eines unrechtmäßigerweise ignorierten Axioms fordert, setzt Mary Wollstonecraft stärker auf Verhandlung und Argumentation. Beiden gemein ist der mit der Aufklärung gewonnene und in der französischen Revolution verstärkte Glaube, dass die Befreiung des Individuums dem Wohl der Gesellschaft dient. Louise Otto-Peters dagegen, von protestantischer Pflichtethik geprägt, sieht das Wohl der Gesellschaft als oberste Priorität und den Kausalzusammenhang umgekehrt: Wer seine Pflicht erkennt und erfüllen darf, sich also im Sinne einer zu verbessernden Welt nützlich machen kann, der erfüllt damit sich selbst und begreift sich als frei.

Einer zweifellos vernünftigen inneren Eingebung Valerie Waldows folgend, wurde das Theoretische im Rahmen eines Filmabends visualisiert. Sally Potters Adaption des 1928 entstandenen Romans „Orlando. Eine Biographie“ aus der Feder Virginia Woolfs brachte den Kern unseres Seminars eindrücklich auf die Leinwand. Gleiches galt für den mittlerweile obligatorisch zu nennenden Besuch im Halberstädter Gleimhaus. Dank der breiten Expertise der Leiterin Dr. Ulrike Pott bietet die Führung auch wiederkehrenden SeminaristInnen stets neue und thematisch passende Eindrücke. Schwerpunkt diesmal: die Damen um den Freundschaftstempler Gleim.

Als Fazit stand neben der Erkenntnis, dass der 3. November sowohl Jahrestag der Hinrichtung Olympe de Gouges als auch Weltmännertag ist, vor allem das Bewusstsein, dass der Weg, den die besprochenen Vordenkerinnen begonnen haben, noch immer nicht beendet ist, auch wenn viele der seinerzeit revolutionären Forderungen – z.B. Berufsfreiheit oder die Anerkennung unehelicher Kinder – heute selbstverständlich sind. Die Abschlussdiskussion widmete sich Schlagworten wie „Gender Diversity“ in Unternehmen, der Vereinbarkeit von Kindern und Berufsleben sowie der Frage nach der Notwendigkeit der femininen Adresse in Schriftform und mündlicher Rede.

Ob wir diese Probleme der Gegenwart mit den Vordenkerinnen der nächsten Generation, die sich insbesondere für politische Mitbestimmung eingesetzt haben, lösen können, sei dahingestellt. Als sicher darf gelten, dass wir aktuelle Diskurse besser verstehen lernen und das Bewusstsein für bestehende Ungleichheiten und Vorurteile schärfen. Alle diejenigen, die dieser Erkenntnisgewinn verlockt, sind herzlich zur Folgeveranstaltung eingeladen, die voraussichtlich im Frühjahr 2013 stattfinden wird.

Ausdrücklich gedankt sei an dieser Stelle der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und ganz besonders Dr. Susanne Liermann für die großzügige und engagierte Unterstützung.

Jasmin Sohnemann

Programm Wintersemester 2012/13

Das Programm zum Wintersemester 2012/13 finden Sie hier: Programm Wintersemester

Publikation zu Rathenau

Basierend auf den Vorträgen des erfolgreich verlaufenen Symposiums im Juni, wird sich eine im kommenden Jahr erscheinende Publikation vornehmlich mit den Netzwerken beschäftigen, die Walther Rathenau in den Bereichen Politik, Kunst und Wirtschaft pflegte und die ihn zu einem wichtigen Exponenten der Moderne machen. Rathenaus Positionen werden innerhalb seiner Zeit kritisch hinterfragt, ebenso Erinnerungsmodi und Inanspruchnahmen, die ihm in den neunzig Jahren seit seinem gewaltsamen Tod widerfahren sind und weiter widerfahren.
Der Band vereinigt Texte verdienter Rathenauforscher mit solchen junger Wissenschaftler, deren einige aus den Reihen des Walther-Rathenau-Kollegs am Moses-Mendelssohn-Zentrum kommen. Herausgeber sind die Walther-Rathenau-Kollegiaten Sven Brömsel, Patrick Küppers und Clemens Reichhold.

Walther Rathenau im Netzwerk der Moderne. Tagungsbericht des Symposiums vom 7./8. Juni 2012 in Potsdam

Walther Rathenau im Netzwerk der Moderne
Tagungsbericht des Symposiums vom 7./8. Juni 2012 in Potsdam

„Die Mischung aus Vorträgen von gestandenen Wissenschaftlern und neuen Impulsen von den Kollegiaten“ habe das Symposium „Walther Rathenau im Netzwerk der Moderne“ ausgemacht, lobte WOLFGANG MICHALKA. Am 7. Und 8. Juni 2012 veranstaltete das Walther- Rathenau- Graduiertenkolleg im Haus der Brandenburgisch- Preußischen Geschichte in Potsdam mit Unterstützung der Moses Mendelssohn Stiftung und der Friedrich Naumann Stiftung die Tagung. Dabei gaben die Redner einen Einblick in das vielfältige Netzwerk von Walther Rathenau in Politik, Wirtschaft und Kunst.
Im Eröffnungsvortrag bestimmte MARTIN SABROW (Berlin) drei Erzählstränge im kulturellen Gedächtnis der Gegenwart, in denen die „Jahrhundertfigur Walther Rathenau“ Platz finde. Das erste Narrativ umschrieb er mit der innerlichen „Zerrissenheit“ Rathenaus. In diesem bewegten sich die Zeitgenossen, die den „Wirtschaftslenker und Zeitkritiker, Intellektuellen und Politiker“ beurteilten. Dem entgegen stehe das Narrativ des heroischen Märtyrers, das nach der Ermordung Rathenaus am 24. Juni 1922 jenes der Zerrissenheit abgelöst habe. Das nach dem zweiten Weltkrieg entstandene Narrativ, das Rathenau als historischen Lernort versteht, sei nicht zuletzt durch die Rathenau oft zugeschriebene „Sehergabe“ entstanden. WOLFGANG MICHALKA (Karlsruhe) umriss Rathenaus (blockierten) Weg in die Politik. Erst der erste Weltkrieg hätte ihm diesen geebnet, nachdem er aufgrund seiner jüdischen Abstammung nicht einmal Reserveoffizier werden durfte. Durch den am Ostersonntag 1922 bilateral geschlossenen Rapallo- Vertrag – ein Notbehelf für Rathenau – habe Rathenau bei seinen Gegnern fortan nicht nur als Erfüllungspolitiker, sondern auch als Anhänger des schleichenden Bolschewismus gegolten. Mit Rathenaus Orientalismus beschäftigte sich DIETER HEIMBÖCKEL (Luxemburg). Im Januar 1899 hat Rathenau auf eigene Faust eine Orientreise unternommen und „mit Rathenau eröffnet sich die nicht häufig anzutreffende Gelegenheit, einen kulturkritischen Schriftsteller als Projektionsfigur und Produzenten von Orientvorstellungen in den Blick zu nehmen.“ Er habe „durch seine Präsenz in der Öffentlichkeit und netzwerkartigen Verbindungen zur Literatur und Geisteskultur“ schon während seines Lebens die Vorstellungskraft seiner Schriftstellerkollegen inspiriert. In Rathenaus an Nietzsche angelehnter Theorie von Mut- und Furchtmenschen hätte sich „verinnerlichter Antisemitismus und pejoratives Orientverständnis“ überlagert. Solche problematischen, für seine Zeit aber typischen Tendenzen fasste PATRICK KÜPPERS (Berlin) unter den Begriff der „Antimoderne“ zusammen. Diese Antimoderne, die integraler Teil der Moderne sei, deren Progressionen sie aber ablehne, zeige sich in Rathenaus Verhältnis zur Kunst und, damit eng verflochten, zur Großstadt. Ferner betrachtete Küppers, wo und in welcher Form sich in diesem Zusammenhang ein misogyner „Männlichkeitskult“ in Rathenaus Schriften äußert. CHRISTIAN SCHÖLZEL (Berlin) vertiefte den Blick darauf, wie Rathenau als „Mann vernetzter Eigenschaften“ den Gedanken der „Versittlichung“ in den verschiedenen Bereichen seiner Schriften und seiner gesellschaftlichen Aktivitäten verfolgte. Insbesondere seine Entwicklungsvorstellung in wirtschaftlichen Dingen sei davon durchdrungen gewesen. SVEN BRÖMSEL (Berlin) untersuchte die Beziehungen des Netzwerkers Rathenau zu dem Schriftsteller Hanns Heinz Ewers. Seit 1911 standen diese ungewöhnlichen Intellektuellen in regelmäßigem Kontakt, wobei sie außer Fragen der Kunst insbesondere den Nationalismus und dessen Forderungen an den Einzelnen thematisierten. Als sehr interessant erweist sich daher ihr Austausch über Judentum und Antisemitismus. FRANZISKA KRAHS (Potsdam) Exkurs zu den Deutungsversuchen des Antisemitismus von Arnold Zweig, die bereits auf Mittel der Psychoanalyse zurückgriffen, rundete das Symposium ab.

Christopher Menge